Ist ein "Clan" nicht nur was für Hippies?

Für Artgerecht-Freunde ist es eine Selbstverständlichkeit – für alle anderen hört es sich nach Kommune und einer verspäteten 68er-Nostalgie an: Wir alle brauchen einen Clan um artgerecht leben zu können!

 

Drum mal Tacheles für alle Nicht- oder Noch-Nicht-Artgerechtler: Ein Clan ist eigentlich nichts anderes als ein Netzwerk. Wie deine Facebook-Freunde, nur persönlicher. Viel persönlicher. Denn ohne Clan gehst du früher oder später unter...

 

Wenn wir auf die Menschheitsgeschichte zurückblicken, dann haben wir immer in Gruppen gelebt. Je nach Epoche und Region nannten wir diese Horden, Sippen, Grossfamilien oder wie auch immer – aber eigentlich meinen alle Begriffe dasselbe: Eine Gruppe von Menschen, der wir uns zugehörig fühlen und die uns mit ihrer Anwesenheit im Alltag unterstützt.

 

In der Gruppe gaben wir uns über Jahrtausende hinweg Wissen weiter, konnten von den Erfahrungen der älteren Generationen lernen & uns gegenseitig unterstützen. Denn eines war klar: Nur gemeinsam waren wir stark...

 

Heutzutage leben wir als Kleinfamilien in abgeschotteten Dreieinhalbzimmerwohnungen mit eigenem Garten. 120m2 für 4 Personen – das Lebensziel unserer Generation.

 

Doch macht uns diese grosse Unabhängigkeit glücklich?

 

Mich machte sie glücklich – bis zum Moment, in dem ich Mutter wurde. Da stand ich nämlich plötzlich allein da. Zwar mit einem grossen Einfamilienhaus und dem obligatorischen Garten – doch was bringen mir Haus und Garten, wenn da die Menschen fehlen?

 

Mein eigenes Baby war das erste Neugeborene, das ich jemals in den Händen gehalten hatte. Ich wurde ins kalte Wasser gestossen, ohne zuvor im Trockenen zuschauen und anschliessend im Nichtschwimmerbereich üben zu dürfen. Plötzlich war das Baby da und ich hatte zu funktionieren, ohne Vorbild, ohne Leidensgenossin, ohne Lehrerin und ohne Clan.

 

Das wäre früher gar nicht möglich gewesen. Denn unseren Vorfahren war klar, dass ein solcher Alleingang kein Erfolgsrezept sein kann. Während Jahrtausenden konnten wir von Kindstagen an beobachten, was es bedeutet ein Baby zu empfangen, es grosszuziehen, es zu ernähren und zu begleiten, bis es flügge ist. Im Umfeld gab es Schwestern, Cousinen, Tanten, Mütter und Grossmütter und alle waren da, um ihr Wissen mit dir zu teilen und dich zu unterstützen, wenn du ihre Hilfe brauchst. Unseren Vorfahren war klar, dass Kindererziehung im Alleingang utopisch ist, denn wie schon ein afrikanisches Sprichwort sagt: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen!

 

Die Dreieinhalbzimmerwohnung mit eigenem Garten ist also wunderschön – doch artgerecht ist sie nicht. Und das merken wir spätestens, wenn wir in unserem Leben an dem Punkt ankommen, an dem wir von anderen Hilfe und Unterstützung benötigen. Zum Beispiel, wenn wir Mutter werden...

 

Denn wir alle brauchen ein Netzwerk. Wir brauchen Menschen, Freunde, Begleiter – oder eben einen Clan. Denn was vor Jahrtausenden nicht funktioniert hat, das funktioniert auch heute nicht: Im Alleingang gehen wir unter – denn dafür sind wir nicht geschaffen!

 

Doch wo soll der jetzt plötzlich herkommen, dieser Clan? Das ist je nach Lebens- und Familiensituation gar nicht so einfach... Mein persönlicher Clan besteht neben meiner Frau und unseren Kindern hauptsächlich aus deren Grosseltern, ihrem Onkel, ihrem Götti und ihren Gottis. Aber auch aus einem Netz aus Freunden, die da sind, wenn wir sie brauchen. Die uns im Alltag mal die Kinder abnehmen, wenn wir etwas Zeit für uns benötigen. Die uns bekochen, wenn die Hektik überhandnimmt. Die uns zuhören, wenn wir reden müssen und die mit anpacken, wenn es brennt.

 

Doch einen Clan gibt es leider nicht fixfertig im Supermarkt zu kaufen... Ein Clan bedeutet Arbeit. Wer nichts investiert, der stösst nur selten auf offene Türen. Und wer nicht anklopft, bei dem weiss die Türe gar nicht, dass sie aufgehen soll... Drum werdet aktiv! Sucht euch Gleichgesinnte! Schenkt eurem Busnachbarn ein nettes Lächeln. Tragt dem alten Mann, der über euch wohnt, die schwere Einkaufstüte in den dritten Stock. Ladet eure Freunde zum gemeinsamen Abendessen bei euch zu Hause ein. Und sagt anderen offen, dass ihr überfordert seid und Unterstützung benötigt.

 

Denn ihr alle braucht euren Clan – egal ob ihr Hippies seid oder nicht. Und auch wenn euch andere für euren Traum von einem glücklichen Zusammenleben belächeln: Lacht offen und freundlich zurück und vielleicht wird euer Netzwerk im selben Moment um eine Person reicher...

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